Univ.-Prof. Dr. Helmut Renöckl                                                                                                         Linz, 9.11.2000

 

Ethik und Endoskopie – Berührungspunkte

 

 

Drei Impulse aus der Praxis, die mir von der Tagungsleitung über Frau Weilguny übermittelt wurden:

 

·          Wer sagt Stopp, wenn „die Maschinerie“ im Laufen ist?

·          Der Arzt ist für die Behandlung letztverantwortlich.
Bei „Gratwanderungen“, bei ethisch relevanten Entscheidungen sind Pflegende mental beteiligt. Dürfen wir auch nein sagen?

·          Wo ist unsere Rolle in der Ethik?

 

Es versteht sich von selbst, dass im gegebenen Rahmen von rund 30 Minuten nicht konkrete Details einer Indikation, einer Behandlungssituation in medizinisch-pflegerischer und ethischer Perspektive abgehandelt werden können.

Vielmehr wird es um Zusammenhänge und Hintergründe gehen, die im Getriebe und Druck des Alltags meist wenig Raum haben.

 

Vier kurze Überlegungen habe ich dazu vorbereitet:

 

·          Ethische Perspektive

·          „Maschine im Laufen“

·          Stellenwert von „Beziehung“ für optimale Medizin

·          „Kultivierter Umgang mit Grenzen“

 

Zuerst muss ich mich kurz vorstellen: Ich arbeite als Ethiker an den Universitäten Linz (Technisch-Naturwiss. Fakultät und Theolog. Fakultät) und Budweis (Interfakultäres Institut und Theolog. Fakultät).

 

Seit knapp 20 Jahren arbeite ich bei medizinethischen Projekten interdisziplinär mit Ärzten, Pflegefachleuten, Psychologen, Juristen, Soziologen u.a. Als Ethiker bin ich bei ihren Fachkenntnissen nicht Besserwisser, da achte und schätze ich ihre Kompetenz.

 

 

1.   Ethische Perspektive

 

 

Ethik wird oft allzu sehr mit Appellen, Imperativen, Normen assoziiert.

 

Ich möchte nicht den herrschenden Druck durch zusätzliche Appelle, Imperative und Auflagen erhöhen.

 

Bei der Medizin-Ethik – wie ich sie verstehe und betreibe –
geht es um

Þ     Erweiterung der Perspektiven,
(das kann u. U. den Druck auch verringern)

 

Þ     Klärungen hinsichtlich der in Gang befindlichen Umorientierungen („Paradigmenwechsel“)

 

Þ     Bestmöglichen Fokussierung der Aufmerksamkeit beim medizinischen,
pflegenden, therapeutischen Einsatz

 

Þ     Dort und da sind sicher auch „Leitschienen“ geboten und hilfreich.

 

Begriffe wie „Ethik“, „ethisch“ haben derzeit Hochkonjunktur.

 

Gefahr von Worthülsen und Formeln, die alles und nichts enthalten.

 

Daher kurze Klärungen zu „Ethik“, „Konkrete Ethik“, „Medizin und Ethik“

 

 

 

GRUNDFRAGE DER ETHIK

 

„WIE GELINGT UNSER LEBEN?"

 

Was alles muss man versuchen, bestmöglich zu verstehen,

was alles ist zu beachten, um bestmöglich zu handeln, zu entscheiden,

damit unser Leben sich entfalten kann,

damit wir nicht Fehler, Schäden, Deformationen, Verkümmerungen

für uns und für andere bewirken? Es geht um die Erfahrungswerte, Ziele,
um die „Spielregeln" für das Gelingen des Lebens.

 

Das sind Lebensfragen und Lebensaufgaben für jeden Menschen! •

 

Ethik als Wissenschaft trägt systematisch aus den verschiedenen Spezialdisziplinen
das human Bedeutsame zusammen, wiederum mit der Zielsetzung,

beizutragen zur bestmöglichen Orientierung menschlicher Praxis, zum Gelingen des Lebens.

 

Der Blick auf das Ganze, die Zusammenschau der verschiedenen Bereiche, Dimensionen, Perspektiven kommt in unserer überspezialisierten und hektischen Zeit oft zu kurz, ist aber wichtiger denn je!

 

 

 

 

Kern der Ethik

 

Den Kern der Ethik bilden Bewusstsein und Freiheit des Menschen,

 

mit der damit untrennbar verbundenen Chance und Pflicht, sich mit aller Kraft um bestmögliches Verstehen und Entscheiden zu mühen

 

und für sein Tun einzustehen, die Verantwortung für die einzelnen Handlungen und das Leben insgesamt nicht zu verdrängen.


Ethik weitet den Blick über individuelle Interessen hinaus auf Gerechtigkeit

und Gemeinwohl.

 


 

Konkrete Ethik

 

Es genügt nicht, abstrakt und allgemein von „Freiheit“ und „Bewusstsein“ zu reden.
Unsere hochentwickelte Gesellschaft, unser Leben, unsere Spitäler, sind hoch leistungsfähig und sehr kompliziert geworden.

 

Angesichts der neuen Realitäten und komplexen Organisationen ist konkreter zu fragen:

·       Was bestimmt konkret unser heutiges Leben?

·       Wie können, wie sollen wir mit den jetzt maßgeblichen Wirkkräften, Zusammenhängen und Dynamismen um uns und in uns umgehen, damit unser Leben Sinn und Freiheit bekommt bzw. behält, damit unser Leben gelingt?

 

 

 

 

Anliegen - Dimensionen - Kategorien der Ethik

 

·       Grundanliegen der Ethik: Gelingen des Lebens

 

immer wieder: Blick auf „das Ganze“, auf die „Condition humaine“,

auf anstrebenswerte Ziele, „Sinn“

Pluralität: Epochale, kulturelle, religiöse

Perspektiven, Horizonte, Paradigmen, Werte und Normen

Rückblick - Ausblick - Überblick

 

·       Grundhaltungen - „Virtutes“ - westliche - östliche Akzente

 

Orientierungen „Leitlinien“

Prioritäten, Proportionen, Kriterien

Persönliches Wohl - Gemeinwohl

Güterabwägung, ethische Vorzugsregeln

 

·       Normen

Regeln, Abläufe

Standards

Unbedingte Ansprüche und Grenzen

 

·       Gewissen

„Normalfall“ à      „Personalfall“

Bewusstsein - Kreativität - Pflicht – Verantwortung

 

 

MEDIZIN/PFLEGE/THERAPIE UND ETHIK

HABEN GEMEINSAME ZIELE

 

Über alle Spezialisierungen hinaus geht es um den ganzen Menschen,

 

um Gemeinwohl, Gesundheit der Bevölkerung insgesamt,
um Kultivierung und Gelingen des Lebens,

 

um heilsames Leben bzw. um Gefährdungen, Erkrankungen, Verletzungen des Lebens.

 

Zum Leben der Menschen gehören immer Umwelt und Kontext.

 

 

 

2.    „Maschine im Laufen“

 

 

Ein modernes Hochleistungs-Krankenhaus, eine Endoskopie-Abteilung ist – auch – eine komplizierte „Maschinerie“ mit einer gewissen „Eigenläufigkeit“. Jeden Tag erfahren Sie, wie stark dies unser Handeln bestimmt.

 

Denken wir zurück, an die alten Zeiten. Da war alles viel einfacher, aber um welchen Preis!

 

Vormoderne Lage:

Man denke z. B. an Seuchen, Infektionen, kurze durchschnittliche Lebenserwartung, hohe Frauen-, Kindersterblichkeit, Hilflosigkeit bei größeren Ver­letzungen, schon bei Problemen mit Zähnen... Kälte, Dürre hatten oft tödliche Konsequenzen ...

 

Grenzen des ärztlichen Tuns waren faktisch und im allgemeinen Bewusstsein sowie in der religiösen Deutung sehr eng. Natur galt unmittelbar als göttliche Ordnung, daher „sakrosankt“. Das heilende Tun war weitgehend beschränkt auf Leid-Linderung, Pflege - große Leistungen wurden dabei vollbracht!

Noch in den 50er-Jahren: „Das Wesentliche“ hatte in der „Arzttasche“ Platz.

 

Neuzeit:

Veränderte Einstellung.

Vorgegebene Lage gilt nicht als sakrosankt, sondern prometheische Anstrengungen zur Überwindung von Leid, Mangel, Ohnmacht. Man will Naturgesetze erforschen, um sie zu beherrschen.

Ziele: Lebens-Erweiterung, Heilung, Leidbeseitigung.

 

Hinter epochalen Entwicklungen stehen jeweils bestimmte Visionen, Grundeinstellungen, „Paradigmen“.

 

Das neuzeitliche Paradigma zielte auf die aktive Erforschung der Wirklichkeit, um sie entsprechend den menschlichen Zielsetzungen, nämlich Be­seiti­gung von Not und Leid, bis hin zur umfassenden Befreiung, umzuge­stalten.


 

Man wollte alle Gesetzmäßigkeiten begreifen, um sie zu beherr­schen. So auch in der Medizin: man setzte auf wissen­schaft­lich-technisches Erforschen und Ein­grei­fen, auf hochwirksame Medikamente und Behandlun­gen, bis herauf zur heutigen Hoch­leistungs­medizin.

 

Leitend waren dabei die Perspektive und Methoden der Na­turwissen­schaften: hochgradige Spezialisierung und Quantifizierung.

 

Dieses Programm der quantitativen und qualita­tiven Erwei­terung der menschlichen Entfaltungs- und Gestaltungsräume brachte gewaltige Erfolge, speziell im medi­zinischen Bereich.

 

Die aktuelle, spätneuzeitliche Ausweitung des Modells der naturwissenschaftlichen Spezialisierung und Quantifizierung auf immer mehr menschliche Lebensbereiche universalisiert diese reduktive Akzentuierung:

 

Wirtschaft und Gesell­schaft einschließlich der Freizeit werden immer stärker auf das Messbare, Digitalisierbare, auf "Effizienz" und "Kapitalerträge" reduziert.

 

Das Nicht-Quantifizierbare, Unverzweckbare, Freie, Schöne, Geschenkhafte, Unkaufbare und Unverkäufliche ... finden zu wenig Raum und Aufmerksamkeit.

 

Wenn diese "Rationalität" und "Effizienz" unser Leben und Medizinsystem immer stärker bestimmen, dann werden im gleichen Ausmaß die Menschen auf produzierende und konsumierende Rädchen in einer Sozialmaschinerie, auf das Sachhafte, auf Kostenfaktoren und Kalkulationsgrößen reduziert -, eine heillose Verarmung mitten im materiellen Wohlstand!

 

Das neuzeitliche Programm zielt auf Leidfreiheit, vgl. die WHO-Definition:

 

“Gesundheit ist ein Zustand vollständigen physischen, psychischen und sozialen Wohlbefindens und nicht einfach die Abwesenheit von Krankheit und Gebrechen.“

 

 

Es weckt damit grenzenlose Erwartungen und blockiert das Unterscheiden zwischen beseitig­barem und unvermeidlichem Leid und lässt die Fähigkeit, unver­meidliche Belastungen und Leiden auszuhalten, verkümmern.

 

Unsere Leistungsgesellschaft mit ihren Instant-Glück-Versprechen tendiert zur Verdrängung und Ausgrenzung nicht nur des Leids, sondern auch der Leidenden, aller "Minderleister", zu Unbarmherzigkeit und Mitleidlosigkeit.


Das Verdrängen wesentlicher Lebensdimensionen führt zu krassen individuellen und gesellschaft­lichen Fehlentwicklungen und entsprechenden Schäden. Illusionäre Versprechun­gen/Erwartungen verstärken die Gerechtigkeits­probleme: die Durchsetzungs­fähigeren beanspruchen im sinnlosen Übermaß die medizinischen Ressourcen auf Kosten anderer.


 

Dazu kommen noch neue ökonomische Zwänge

 

Die Kurve der Kosten durch neue medizinische Möglichkeiten steigt weiter steil an, die Linie der verfügbaren Ressourcen steigt - im besten Fall - nur noch langsam.

 

Damit öffnet sich eine schmerzliche Schere und wir stehen hier erst am Anfang.

 

Wir kommen nicht darum herum, uns neu mit der Relation von Ressourcen-Einsatz und anstrebenswerten Zielen auseinander zusetzen.

 

Sicher wird vor medizinischen Einschränkungen der kostenbewusste Mitteleinsatz, die Vermeidung sinnloser Vergeudungen zu stehen haben.

 

Darüber hinaus kann als Leitlinie gelten: „optimale statt maximaler Medizin“.

 

Bei der Bestimmung des Optimalen müssen wir aber gründlich und umfassend denken, damit nicht das eingangs genannte Ziel unseres Tuns, die unverkürzte Menschlichkeit, die Kultur, die Gerechtigkeit und das Gemeinwohl auf der Strecke bleiben.

 

 

3.   Der hohe Stellenwert von „Beziehung“ für „Optimale Medizin“

 

 

Die moderne Medizin ist außerordentlich leistungsfähig und niemand möchte bei Bedarf auf deren Leistungen verzichten. Richtig ist aber auch eine gewisse Einseitigkeit unserer modernen Medizin, ihre überwiegend naturwissenschaftlich-physiologische Ausrichtung. Patienten „verschwinden“ als Person mit ihren personalen Bezügen, Nöten und Anliegen immer noch zu sehr hinter ihren gestörten Organfunktionen. Das gilt trotz zunehmender Beachtung von Psychosomatik, Psychotherapie usw.

Solche Einseitigkeiten bzw. Defizite stehen wohl auch hinter der verbreiteten Zuwendung zu Komplementär- und Alternativmedizin, bis hin zu oft ganz eigenartigen und hochproblematischen „Alternativen“.

 

Wenn wir 3 Definitionen von „Gesundheit“ vergleichen, so zeigt sich, dass wohl die WHO-Definition als auch die alternativ-esoterische die schwierigsten menschlichen Wirklichkeiten Schwäche, Ohnmacht, unheilbares Leid, Behinderung, Altern, Sterben ungedeutet im Dunkeln lassen. Und gerade da bräuchten Menschen verlässliche Deutung und spürbare Hilfe.


 

 „GESUNDHEIT“

 

 

§         Gesundheit: Welt-Gesundheits-Organisation (WHO)

 

 

„Gesundheit ist ein Zustand vollständigen physischen, psychischen und sozialen Wohlbefindens und nicht einfach die Abwesenheit von Krankheit und Gebrechen.“

 

 

§         Gesundheit: alternativ – esoterisch

 

 

Die natürliche Ausstattung der Menschen besteht aus Harmonie, Vitalität, Selbstheilungskräften. Unser Leben, ursprünglich fähig zur Selbsterneuerung und Vervollkommnung, wird durch schädliche Einflüsse, Fehlsteuerungen und Entfremdungen blockiert und deformiert. Durch alternatives, esoterisches Wissen und darauf aufbauende Therapien können wir Blockierungen und Verformungen lösen, den Zustand des Wohlfühlens wiederherstellen und zur Übereinstimmung mit den tiefsten Harmonien des Kosmos kommen.

 

 

§         Die entscheidende Perspektive: Wie gelingt Leben?

(H. Renöckl nach I. Illich)

 

Wichtig ist die Fähigkeit, sich auf wechselnde Verhältnisse einzustellen, heranzuwachsen, Leben und Umwelt zu kultivieren, dazu gehören unvermeidlich auch Anspannungen und Krisen. Im Falle einer Verletzung oder Erkrankung stehen viele Heilungs-Möglichkeiten zur Verfügung. Diese sind sinnvoll und gerecht zu nützen.

 

Die Begrenztheit des Menschen erfordert aber auch die Fähigkeit, Schwächen, Grenzen, unheilbares Leid, das Altern und den Tod anzunehmen. Das sind individuell und gesellschaftlich-kulturell wesentliche Bestandteile des Lebens. Lernen, alle wesentlichen Elemente des Lebens anzunehmen und in unsere Lebenskultur zu integrieren, führt zum Gelingen des Lebens.

 

 

Leiderfahrungen – heilsame Perspektiven

 

Bei vielen Seminaren, sowohl zu „Gesundheit“, als auch zu „Leid“ sammle ich Teilnehmer-Erfahrungen bzw. Vorstellungen über konkrete Leidformen und lasse diese von den Teilnehmern den „Lebenssäulen“ zuordnen. Immer landen mit großem Abstand am meisten bei der Säule „Mitmenschliche Beziehungen“, dann folgt – mit Abstand – die Säule „Sinn/Ziel“. Schwierigkeiten, Verletzungen, Störungen, Defizite im Beziehungsbereich sind offensichtlich in hohem Ausmaß leidvoll und krankmachend, hier sind aber ebenso ganz entscheidende Ansätze für Leidbewältigung und Heilung.

 


            L                             E                                B                                E                                  N

 

 

GELD - BESITZ

 

GESUNDHEIT

 

SINN - ZIEL

 

ARBEIT - LEISTUNG

 

MITMENSCHLICHE

BEZIEHUNGEN

·       missverstanden zu werden, trotz bester Meinung

·       Angst, Fehlentschei­dung zu treffen

·       nicht vollständig helfen können

 

·       Angst vor Beschwerden, welche im Alter nicht mehr reparier­bar sind und trotzdem zur Zeit wenig Beachtung finden!

·       Krebs

·       körperliche Leiden

·       unheilbare Krankheiten

·       Depressionen

·       Körperlicher und geistiger Verfall

·       Angst vor Krebs

·       Psychosomat. Erkrankung

·       Ungewißheit, nicht bekannte Krankheit

 

·       Schweres „Burn-out“-Syndrom

·       sich nicht selbst leben dürfen

·       Sinnkrisen – Depression

·       seelischer Schmerz

·       zu wenig Mußezeit

·       gesetzte Ziele nicht erreichen

·       Ungewissheit

·       Keine Zeit

·       Kraftlosigkeit

·       Drogenabhängigkeit eines Kindes

·       Mitansehen, wie jemand elend zugrunde geht – wo Ärzte nur mehr testen können

·       Krebs

·       Krieg

 

·       Erwartungsdruck

·       Angst, Gesundheit zu verlieren

·       Kopfschmerzen

·       Nachlassen der Belastbarkeit

·       Kummer

 

·       fehlende Liebe

·       sich missverstanden fühlen

·       wenig Anerkennung

·       seelischer Kummer

·       Haut-Allergien

·       seelisches Leid, sich nicht verstanden fühlen

·       Angst

·       Verlust eines lieben Menschen

·       Kleine Zwistigkeiten, die zu Disharmonie führen

·       Einsamkeit

·       jemanden ungerecht behandelt zu haben bzw. selber ungerecht behandelt zu werden

·       sich „ausgegrenzt“ fühlen

·       Kommunikationsproblem, sich nicht verstanden fühlen

·       Angstgefühle, kein Selbstvertrauen

·       Psyche: Depressionen, Beziehungsprobleme

·       Angst, jemandem nicht helfen zu können, der Hilfe braucht

·       Andere ent-täuschen müssen

·       Arbeit (Familie/Beruf) ist selbstverständlich þ zu wenig Anerkennung

·       Unvermögen, anderen zu helfen

·       Streit

·       Kränkungen

·       Auf die Pflege und Hilfe der Mitmenschen angewiesen zu sein

 

 

 

 

 

 

 

 

·       zu wenig Zeit für den Nächsten

·       von Gesellschaft nicht akzeptierte Krankheiten! (Psychische Probleme), Süchtige

·       zu wenig Zeit für den Nächsten

·       psychische Verletzungen in der Ehe: nicht zuhören, nicht reden

·       Stolz = Furcht

      ø Fehler, über sein

          "Leid"nicht sprechen zu können
           bzw. wollen

 


 

 

Bei aller Anerkennung modernster medizintechnischer und pharmazeutischer Fortschritte bleiben zentrale Chancen und Aufgaben der Pflegedienste im Bereich der menschlichen Zuwendung. Die mitmenschliche Qualität ist und bleibt unersetzlich, Zuwendung der Pflegenden ebenso wie Einbeziehung relevanter Beziehungspersonen (Ärzte, Angehöriger, Freunde der Patienten), aber auch angemessene Abgrenzung (kein „Helfer-Syndrom“, kein emotionales „Ausbrennen“).

 

Zum wichtigen und vielfach unterentwickelten bzw. notleidenden Feld der Beziehungen hier nur noch 2 Schemata als Anregung:

 

 

1.    Das Programm eines Weiterbildungstages „Die schwierige Verständigung über Krankheit, Heilung und Unheilbares“

(ein Baustein im Rahmen des Weiterbildungssystems für „Ethik der Krankenpflege“ der Anstaltendirektion der OÖ. Landesregierung).

 

 

 

 

Die schwierige Verständigung

über Krankheit, Heilung und Unheilbares

 

Arzt

        

 

 

Pflegende                                                  Angehörige

 

 

 

 

 


Patient

 

 

 

(Zusätzlich:           Klinik-Betriebswirtschaft, Qualitätssicherung,

Versicherungen, Gesellschaft, Gesundheitspolitik, Medien ...)

 

 

 

 

 


 

2. Strukturmodell menschenwürdiger Praxis

 

 

 

 

 

 

4. Kultivierter Umgang mit Grenzen

 

 

Sie haben in Ihrem Berufsfeld vielfach auch mit schwierigen intensivmedizinischen Lagen zu tun, das kommt auch in den von Ihnen formulierten „Impuls-Stichwörtern“ zum Ausdruck. Konkret wird es da bspw. um Indikationen bzw. Therapierückzug bei PEG-Sonden u.ä. gehen. Selbstverständlich bedürfte gerade dieser Bereich ausführlicher und besonders sorgfältiger Erörterung. Im gegebenen Rahmen sind aber nur noch wenige Orientierungsimpulse möglich.

 

 


Frage-Richtungen

 

 

8     Prognose–Unsicherheit bei Krankheitsverlauf
   und Therapie-Wirkungen

 

8     Patienten- und Angehörigen-Mitbestimmung

Notwendigkeit u. Schwierigkeit d. Kommunikation

 

8     Physiologische, personale, soziale Dimensionen
   beim menschlichen Erkranken, Gesunden und
   (Voll-)Enden

 

8     Beiträge und Belastungsgrenzen aller
   Beteiligten

8     Disposition der begrenzten Ressourcen

 

 

INTENSIVMEDIZIN KANN/SOLL

 

8     Lebensbedrohliche Funktionsausfälle des Organismus überbrücken,
bis dieser wieder selbst dazu imstande ist,

 

8     Zeiten für wichtige personale Klärungs- und Reifungsvorgänge offen halten.
(„optimale Medizin“ beachtet stark die personale und Beziehungs-Dimension!)

 

 

INTENSIVMEDIZIN SOLL NICHT

 

8     Leiden und Sterben verlängern.

 

„Leitschienen“

 

8     Jeder Mensch, als Person, hat unverzweckbare, zu achtende Würde,
unabhängig von „Nützlichkeiten“

 

8     Medizinisch ist mehrdimensionales Abwägen und Entscheiden geboten
(s. „4-Prinzipien-Modell“)

 

8     Die Bedeutung des Ganzen im Blick – moralische, nicht „absolute“ Sicherheit anzustreben


 

4-Prinzipien-Modell

(nach Beauchamp und Childress)

Fürsorge

 
 

 

 

 

 

 

 


Schadensvermeidung

 

 

 

¥     Es sind jeweils die 4 „Eckwerte“ im Blick zu behalten

 

¥     Kasuistik im Kontext anerkannter Prinzipien und Regeln (z. B. Selbstbestimmung heranwachsender Kinder, begrenzt einsichtsfähiger Patienten, bei unsinnigen oder unverhältnismäßigen Forderungen)

¥     Argumentative Sicherung von Abwägungs- und Entscheidungsräumen
„Konvergenzargumentation“.

Ü   Sicherungen gegen Gleichgültigkeit, Relativismus, Willkür und Missbrauch.

 

 

 

5. Ausblick

 

Kommen wir abschließend nochmals auf das neuzeitliche Fortschrittsparadigma zurück, das natürlich auch die moderne Medizin prägt: Die Neuzeit hatte als vorrangige Orientierung  „Entgrenzung“, Erweiterungen der menschlichen Möglichkeiten, konkret durch Erforschen, Beherrschen und Steuern aller Kräfte und Abläufe. Das war bei der Not, dem Mangel der Lebensenge und dem frühen Sterben zu Anfang der Neuzeit eine plausible Priorität. In dieser neuzeitlichen Perspektive empfindet man alles Begrenzte als minder, Grenzen gelten als Ansporn, sie zu überwinden.

 

Jetzt, am Ende der Neuzeit, haben wir die ganze Welt in hohem Ausmaß, extensiv und intensiv, erforscht, erobert, die menschlichen Möglichkeiten enorm erweitert. Jetzt wäre ein neues Verstehen und Neuorientieren fällig: Alles auf Erden ist begrenzt. „Das Begrenzte“ ist nichts Minderes, sondern das Begrenzte kann und soll als einmalig und kostbar entdeckt werden: jede Stunde, jeder Tag, unsere Kräfte, unser Leben, die Umwelt ..., all das ist begrenzt und daher kostbar. Diese Wahrheit kann Impuls für neue Kultivierungen werden: Denken wir bspw. an „Wasser“. So lange wir es im Überfluss haben, schätzen wir es nicht besonders, „verpritscheln“, vergeuden wir es. Wenn es knapp wird, lernen wir es schätzen, gehen wir damit sorgfältig, kultiviert um. Und in der Wüste wird ein Becher Wasser kostbarer als Gold ...


Da liegen wertvolle nachneuzeitliche Perspektiven:

 

·          Statt des beschränkten Blicks nur noch auf spezielle Segmente, ein neuer Blick auf das
 Ganze, auf Zusammenhänge, Prioritäten und Proportionen,

·          statt illusionärer Grenzenlosigkeit ein kultivierter Umgang mit Begrenztem und Grenzen,

·          statt einseitiger Fixierung auf Leisten und Beherrschen Integration auch der anderen,
 pathischen Dimension, der Ohnmacht, dem Lassen, der Kontemplation.

 

Ist dies ohne fundierte Hoffnung über den Tod hinaus möglich? Das ist eine weitere Frage, die hier nur mehr angeführt, aber nicht mehr behandelt werden kann.

 

 

 

„Das Sterben ist ein Stück unseres Lebens.

Um dieses letzte Stück soll man niemanden betrügen.“

(Jörg Zink)

 

 

 

„Die Angst vor dem Tod ist die Angst vor dem,

was nach ihm kommt.“

(Karl Jaspers)

 

 

 

Gehen

Lernten wir

Lieben auch

(mühsam)

lassen

immer

noch

nicht.

 

(Doris Mühringer)

 

 

 

Viele gute Wünsche für Ihre unersetzliche, kostbare Arbeit und für Sie in ihrem persönlichen Leben.